Event
Förderbescheid für Ausstellung zu Eugen Kogon und Frankfurter Hefte in Oberursel
Überreichung durch Staatsministerin Heike Hofmann am 12. Juni in Oberursel
Der Neue Königsteiner Kreis erhält eine finanzielle Förderung für eine Ausstellung in Zusammenarbeit mit der Eugen-Kogon-Gesellschaft über Eugen Kogon und die Frankfurter Hefte, die im April 1946 erstmalig erschienen sind. Auf Einladung der Bürgermeisterin von Oberursel, Antje Runge, fand am 12. Juni 2026 eine kleine feierliche Übergabe der Förderurkunde am späteren Ort der Ausstellung, der Konrad-Adenauer-Anlage in Oberursel statt. Zwei Probeplanen wurden zur Einstimmung für die spätere Bauaun-Ausstellung provisorisch aufgebaut.
Pressefoto mit Dr. Wolfgang Geiger (Eugen-Kogon-Gesellschaft), Christoph Schlott (Neuer Königsteiner Kreis), Bürgermeisterin Antje Runge, Staatsministerin Heike Hofmann – Ministerin für Arbeit, Integration, Soziales und Jugend, sowie der Landtagsabgeordneten Elke Barth.
Fotos: Frauke Heckmann
Die Staatsministerin und die Bürgermeisterin würdigten die Idee für diese Ausstellung und das damit verbundere erinnungskulturelle Engagement für Demokratie in der heutigen Zeit.
Heike Hofmann brachte ihre Freude zum Ausdruck, mit dieser Förderung dazu beitragen zu können. „Ich freue mich sehr, dass die Mitglieder des Königsteiner Kreises gemeinsam mit der Stadt Oberursel ein so kluges, gehaltvolles und überdies mobiles Erinnerungsprojekt konzipiert haben. Die Idee ist so umfassend wie zeitgemäß. Schließlich stellen sie nicht nur transportable Ausstellungswände zur Verfügung, sondern auch Dokumentarfilme, die über QR-Codes abrufbar sind.“
Antje Runge erinnerte daran, dass Eugen Kogon sein Buch Der SS-Staat in Oberursel geschrieben hat und in dieser Zeit auch die Idee zu den Frankfurter Heften dort entstand. „Die Ausstellung rückt ein Kapitel deutscher Demokratiegeschichte in den öffentlichen Raum, das eng mit Hessen, dem Taunus und auch mit Oberursel verbunden ist. Eugen Kogon, Publizist, Politikwissenschaftler, Widerständler und Überlebender des Konzentrationslagers Buchenwald, gehörte nach dem Jahr 1945 zu jenen Stimmen, die den demokratischen Neubeginn in Westdeutschland nicht nur begleiteten, sondern intellektuell und publizistisch mitprägten.“
Mehr auf der Webseite der Stadt: „Wenn Erinnerung Haltung zeigt – Förderbescheid für Bauzaun-Ausstellung zu Eugen Kogon in Oberursel übergeben“ – Vgl. auch Taunus-Nachrichten/Oberurseler Woche Kalenderwoche 25, S. 6
Christoph Schlott stellte die Konzeption der Bauzaun-Ausstellungen vor, die das traditionelle Prinzip „Die Leute gehen in die Ausstellung“ umkehrt zu „Die Ausstellung kommt zu den Leuten“, und lobte diesen idealen Ort der Konrad-Adenauer-Anlage dafür. Die Ausstellung, die im Herbst eröffnet wird, ist Teil einer in Entwicklung befindlichen Reihe Hessen.Geschichten., zu der bereits eine zirkulierende Austellung 275 Tage – Die Entstehung der Hessischen Verfassung erstellt wurde (https://koenigsteiner-kreis.de/angebote/). Siehe dazu auch den Bericht von der Ausstellung in Steinbach hier bei uns.
Die Tafeln der Ausstellung werden außer Fotos und erklärende Texte auch QR-Codes enthalten, die zu Online-Videos führen.
In diesem Zusammenhang sei daran erinnert, dass die Eugen-Kogon-Gesellschaft bereits im Rahmen des Projekts Kriegsende und Neuanfang an Rhein und Main auf ihrer Website hier eine Sammlung von Artikeln aus den Frankfurter Heften zur Verfügung stellt sowie eine didaktische Auswahl von Auszügen daraus als Angebot für die Schulen, jeweils mit erklärendem Kommentar: „Abenteuer Neubeginn“ 1945 – Frankfurter Hefte.
Zu Eugen Kogon und seiner Wirkungsstätte Oberursel siehe auch den Bericht von unserer Veranstaltung „80er Jahre Kriegsende und demokratischer Neuanfang“ in Oberursel am 24.11.2025.
Im Zentrum der Ausstellung wird Eugen Kogons „Bestseller“ Der SS-Staat stehen, im Auftrag der Amerikaner in Oberursel bis Dezember 1946 geschrieben, aufgrund des Papiermangels erst Mitte 1946 in der ersten von vielen schnell folgenden Auflagen erschienen. Da war die erste Ausgabe der Frankfurter Hefte, zweiter Schwerpunkt der Ausstellung, im April schon herausgekommen.
Unter den neuen Zeitschriften, die nach dem Krieg erscheinen konnten, waren die Frankfurter Hefte die bedeutendse, über die Nachkriegszeit hinaus wirkende politisch-kulturelle Zeitschrift.
Das Vorwort des ersten Heftes, „An unsere Leser!“, gibt es vollständig auf der Seite zu unserer Dokumentation „Abenteuer Neubeginn“ 1945 – Frankfurter Hefte.
Es folgt unten der kurze Redebeitrag von Wolfgang Geiger zu diesem Anlass der Verleihung des Förderbescheids für die Kogon-Ausstellung in Oberursel.
Erinnerung – woran, wozu?
Vor einigen Tagen gab es in einem französischen Online-Magazin, das von namhaften Politologen herausgegeben wird, einen Artikel unter dem Titel „In Deutschland schützt die Erinnerung die Demokratie nicht mehr“ [1]
Nach dem Tod von Jürgen Habermas erinnert man an den Historikerstreit vor genau 40 Jahren, in dem um die Bedeutung der Vergangenheit für die Gegenwart gekämpft wurde, wenige Jahre vor dem Fall der Mauer, der mit der „Normalisierung“ Deutschlands eine „Historisierung“ der Vergangenheit eingeleitet hat.
Ich glaube, dass wir einer Illusion unterlegen sind, dass nämlich die Erinnerung an das Negative automatisch das Positive erzeugt. Und der Holocaust war ja das Negativste des Negativen. Wir erinnern daran, was aus dem NS entstand – und müssen dies auch! (wohlgemerkt) –, aber kaum, wie es dazu kam, was wir auch müssten.
Natürlich ist der Nationalsozialismus im Bewusstsein der heutigen jungen Generation historisiert, was ja nicht heißt, dem Vergessen anheim gegeben. Vielmehr interessiert sich die junge Generation sehr für die Geschichte des NS. Aber er ist Geschichte. Aus der Erinnerung daran erfolgt noch keine Festigung der Demokratie wie gewünscht und das weiß ich seit langer Zeit aus der Schule immer, wenn wir über das Ermächtigungsgesetz diskutiert haben, das angeblich demokratisch zustande kam, oder „formaldemokratisch“, wie es oft heißt. Denn „formaldemokratisch“ wird dies auch gesehen. Dieses Thema ist für uns heute naheliegender, als wir bis vor kurzem dachten.
Die Antidemokraten haben daraus viel mehr gelernt als wir – wir Verteidiger der Demokratie. Sie wissen nämlich, wie sie es nicht machen dürfen, wenn sie Erfolg haben wollen. Wir aber wissen zu wenig, was zu tun ist, um diesen Erfolg zu verhindern. Nie wieder!-Appelle reichen nicht. Nie wieder! heißt ja, es soll nie wieder entstehen. Doch wir beschäftigen uns zu wenig damit, wie es entstand, wie die erste deutsche Demokratie untergangen ist – und auch nicht, wie die zweite entstand.
Demokratiegeschichte wird seit etlichen Jahren verstärkt gefördert, seit Neuestem auch auf höchster Ebene evaluiert (sage ich mal so…), und dennoch wissen wir fast nichts darüber, wie die Demokratie entstand, in der wir heute leben. Die Alliierten – die Länder – der Parlamentarische Rat – Adenauer. Die (West-)Deutschen haben die Neue Demokratie aber nicht einfach „empfangen“, sondern selbst geschaffen und es gab damals eine breite gesellschaftliche und intensive Diskussion über die Lehren aus dem Gestern für Heute. Und diese Lehren für das Heute von damals können auch für uns heute lehrreich sein.
Eugen Kogons Beitrag dazu umfasste beides, die Aufklärung über die damals jüngste Vergangenheit und die Lehren daraus, aufgrund eigener Erfahrung in Buchenwald, die er dank der Amerikaner in Oberursel einzigartig durch sein Buch Der SS-Staat in die öffentliche Debatte bringen konnte.
Die mit Walter Dirks dann im April 1946 gegründeten Frankfurter Hefte haben einen maßgeblichen Beitrag zur Diskussion über die Notwendigkeit einer inneren Demokratie, in uns selbst, geleistet, nicht nur einer äußeren, institutionellen, die ja viel besser geklappt hat als die innere.
Wir dachten viel zu lange, dass die Demokratie verinnerlicht sei, wir haben uns aber nur zu sehr an sie gewöhnt wie an einen Panzer, der uns von außen zusammenhält, statt dass sie zu einem Sklelett wurde, das uns von innen aufrecht hält und ein Herz umgibt und schützt, das dafür schlägt.
Die Demokratie ist ein Abenteuer und muss als Abenteuer vermittelt werden. So sahen es Kogon und Dirks auch im Vorwort zum ersten Frankfurter Heft. „Wird der Lehrer, der eine veränderte Jugend vor sich hat, unsere Hefte zur Hand nehmen, um den Strom der Gedanken zu spüren, der Deutschland erneuern soll?“ fragten sie darin [siehe oben „An unsere Leser!“]. Heute können wir das für uns leicht verändert so formulieren: „…um den Strom der Gedanken zu spüren, der Deutschland erneuert hat.“
Die beiden Vereine, der Neue Königsteiner Kreis und die Eugen-Kogon-Gesellschaft, bemühen sich, einen Beitrag dazu zu leisten, unter nicht einfachen Rahmenbedingungen. Wir freuen uns deswegen sehr, diese Unterstützung aus dem Sozial- und Jugendministerium von Frau Staatsministerin Hofmann zu bekommen, und auch, wieder hier in Oberursel sein zu dürfen, der zeitweiligen Wirkungsstätte Eugen Kogons, mit Bürgermeisterin Frau Runge, um diese Unterstützung – eine materielle und eine ideelle – in Empfang zu nehmen.
Vielen Dank dafür!
Wolfgang Geiger
Konrad-Adenauer-Anlage, Oberursel, 12.6.2026, ca. 14:45 h.
[1] En Allemagne, la mémoire ne protège plus la démocratie, Le Grand Continent, 5.6.2026, https://legrandcontinent.eu/fr/2026/06/05/allemagne-memoire-democratie/