80 Jahre Kriegsende und demokratischer Neuanfang

Vorträge und Diskussion im Café Windrose in Oberursel am 24.11.2025

Eingeladener Gast:

Prof. Dr. Jens-Christian Wagner, Leiter der KZ-Gedenkstätte Buchenwald

 

Die Veranstaltung sollte auf einen wenig bekannten Aspekt des Kriegsendes 1945 und der neu entstehenden Demokratie aufmerksam machen, an der Widerständler, zurückkehrende Exilanten und befreite Häftlinge aus Konzentrationslagern maßgeblichen Anteil hatten. Unmittelbar nach ihrer Befreiung schworen Überlebende des KZ Buchenwald im „Buchenwalder Manifest“, sich für diesen demokratischen Neuanfang einzusetzen. Einige von ihnen, z. B. Eugen Kogon und Werner Hilpert, kamen nach Hessen und fanden sich im „Oberurseler Kreis“ zusammen. Genau vor 80 Jahren schrieb Eugen Kogon in Oberursel sein Buch „Der SS-Staat“.

 

„Wir brauchen einen neuen Geist. Er soll verkörpert werden durch den neuen Typ des deutschen Europäers. Uns kann niemand umerziehen, wenn wir es nicht selbst machen.“
Aus dem „Buchenwalder Manifest“ 13.4.1945, unterzeichnet von Hermann Brill, Werner Hilpert und Anderen.
Hermann Brill: Gegen den Strom. Offenbach (Bollwerk-Verlag Karl Drott) 1946, S. 100.

Programm:

  • Ansprache der Bürgermeisterin Antje Runge
  • Sylvia Goldhammer (M.A.), Leiterin des Stadtarchivs: Eugen Kogon und der Oberurseler Kreis 
  • Dr. Wolfgang Geiger, Eugen-Kogon-Gesellschaft: Die Botschaft Eugen Kogons von 1945 an uns heute
  • Prof. Dr. Jens-Christian Wagner, Leiter der KZ-Gedenkstätte Oberursel: 80 Jahre Kriegsende: Was ist aus den Hoffnungen der befreiten NS-Verfolgten geworden?

Diskussion mit den Teilnehmern der Veranstaltung.

 

Ansprache zur Eröffnung der Veranstaltung von Bürgermeisterin Antje Runge

Zusammenfassungen der Vorträge

 

Sylvia Goldhammer, M.A.

Leiterin des Stadtarchivs Oberursel

Eugen Kogon und der Oberurseler Kreis

Nach einer dramatischen Flucht aus dem KZ Buchenwald kam Eugen Kogon 1945 als Berater der US-Militärregierung zur politischen Aufklärung und Umerziehung des deutschen Volkes nach Oberursel auf das Gelände des Camp King. Sein Auftrag war, den von ihm verfassten Buchenwald-Report in ein Buch für die Deutschen umarbeiten. Das Buch unter dem Titel Der SS-Staat – das System der Konzentrationslager wurde im Dezember 1945 in Oberursel fertig gestellt und erlebte bis heute zahlreiche Neuauflagen.

Um Eugen Kogon entstand 1945 ein politischer und persönlicher Freundeskreis, der Oberurseler Kreis, der über zehn Jahre bestehen sollte und aktiv am demokratischen Wiederaufbau mitwirkte. Diesem Kreis gehörten beispielsweise auch Werner Hilpert, zuletzt hessischer Finanzminister, den er bereits im KZ Buchenwald kennengelernt hatte, und Oberursels Bürgermeister Ernst Wahl an. Der Vortrag zeichnet den Weg Kogons nach Oberursel und das Wirken des Oberurseler Kreises nach.

Exponat der Gedenkstätte Buchenwald. Foto: W. Geiger

Dr. Wolfgang Geiger

Eugen-Kogon-Gesellschaft

Die Botschaft Eugen Kogons von 1945 an uns heute

Eugen Kogon lieferte mit seinem Buch Der SS-Staat und seiner daran anschließenden publizistischen Arbeit, v.a. mit der wichtigen Zeitschrift Frankfurter Hefte, einen wichtigen Beitrag zur geistigen Demokratisierung nach 1945. Jenseits der konkreten Schuldfrage, die sich damals im Rahmen der Entnazifizierung stellte, mahnte er die Deutschen zur moralischen Gewissensrprüfung hinsichtlich der Gründe für die NS-Herrschaft ab 1933. Während viele sich als durch den „Teufel“ Hitler Verführte darstellten, machte Kogon klar, dass der Verführte letztlich die Schuld daran trägt, sich verführen zu lassen. 

Die Verführung wirkt nur dann, wenn sie etwas aktivieren kann, das schon vorhanden ist. Für das Phänomen, das Hannah Arendt später beim Eichmann-Prozess 1961 die „Banalität des Bösen“ nennt, fand sie, wenig bekannt, ihre erste Anregung unter anderem in Kogons Buch. Die meisten SS-Leute waren „gewöhnliche“ Menschen, ein Spiegelbild der Gesellschaft, ebenso heterogen wie diese, auch in ihren Minderwertigkeitskomplexen und Machtphantasien.

Der Vortrag steht auf der gleichnamigen Seite des Titels >hier

 

Siehe auch: 
1946 Verfassung des Landes Hessen >hier

Rosemarie Gratz, Autorin, AK Zwo, Fernsehen der DDR, 2. Programm, 3.1.1990

Exponat Gedenkstätte Buchenwald. Foto: W. Geiger

Prof. Dr. Jens-Christian Wagner

Leiter der KZ-Gedenkstätte Buchenwald
80 Jahre Kriegsende: Was ist aus den Hoffnungen der befreiten NS-Verfolgten geworden?
Unmittelbar nach ihrer Befreiung schworen die Überlebenden des KZ Buchenwald, für eine Welt des Friedens und der Freiheit kämpfen zu wollen. Vier Jahre später wurde das Grundgesetz verabschiedet. Sein Artikel 1, der die Unantastbarkeit der Menschenwürde festschreibt, war auch eine Reaktion auf die Verbrechen der Nationalsozialisten. 80 Jahre später schwindet in der Gesellschaft das Bewusstsein dafür, welche Bedeutung die Auseinandersetzung mit den NS-Verbrechen für unsere demokratische Selbstverständigung hat.

 Rechtsextreme sind in Deutschland auf dem Vormarsch; Rassismus und Antisemitismus sowie Geschichtsrevisionismus verbreiten sich immer mehr. Wie können die Gedenkstätten, wie kann unsere gesamte Erinnerungskultur darauf reagieren?